Es ist Dienstag, der 9. Dezember 2025. Ich sitze an meinem Rechner, höre Musik und schaue auf Zahlen und Bilder. Ich kopiere, füge ein, tippe, rechne und denke nach. Test eins, Test zwei – nein, so geht es nicht. Neuer Anlauf, alles von vorne. Kopieren, tippen, rechnen, warten, probieren: Es hat funktioniert, Wahnsinn! Ich schaue auf die Uhr, es ist 12:36. Ich habe heute um 09:32 an meinem Rechner gesessen. Ich lehne mich zurück und bemerke, dass ich in etwa drei Stunden, mit verschiedenen Datensätzen, eine weitere eigene, neue Ästhetik entwickelt habe. Mein Rechner unter dem Schreibtisch rechnet ein Motiv in etwa 15 Sekunden. Das sind vier Bilder pro Minute, 240 Motive pro Stunde und so weiter. Was passiert hier? Was passiert mit mir, mit dem, was ich anschaue? Nicht jedes Motiv überzeugt mich, aber dann doch mehr, als mir lieb ist. Ist das gut? Ist das schlecht? Was ist das für ein Werkzeug, das ich mir da gebaut habe, mit dem ich autonom, bewusst und gleichermaßen gezielt und kontrolliert Dinge zum Ausdruck bringe, die ich fühle und wahrnehme?
Meine Welt ist nicht die eure

Ich finde es selbst ein wenig anstrengend, aber ich sage es auch an dieser Stelle zum Verständnis noch einmal: Ich nutze keine Online-KI-Angebote oder Webseiten bekannter Konzerne etc. Ich nutze aktuell ausschließlich Open-Source-Projekte und vor allem meine eigenen Datensätze und eigens trainierten Modelle. Ich baue als Künstler digitale Strukturen und Werkzeuge, die ich steuere.
Ich wurde auch vor ein paar Tagen gefragt: Was hat das noch mit Fotografie zu tun ? Meine Antwort: Wenn man die Datensätze ansieht, bilden Fotografien das Fundament von allem, was ich dort mache, also hat es sehr viel mit dem Medium Fotografie zu tun. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir als Künstler jedoch egal, denn ich stehe nun vor diesen 1,5 × 2 Meter großen Testdrucken und verliere mich in den Details dieser Bilder. Das ist dort meine Welt, nicht eure, denke ich mir. Ich sehe in den Bildern überall die Details und freue mich über diese ganzen Strukturen und gewissermaßen Fehler, die die Bilder erst ausmachen. Natürlich gibt es auch eine Parallele zu meinen alten analogen Fotografien, die ich damals unter meinem Schlafsack entwickelte. Aber ich stehe jetzt hier und schaue auf zwei erste gedruckte Ergebnisse, die aus vielen meiner Daten stammen. Daten, die geformt und verändert, mit Machine Learning zu etwas Neuem wurden. Ich sehe es als meine eigene Welt. Eine visuelle Welt, in die ich mich aktuell flüchte, um mich von unserer aktuellen Gegenwart, die ich als zunehmend unerträglich und grausam wahrnehme, etwas zu entkoppeln.
Keine Grenzen mehr mit diesen Werkzeugen

Auch bei diesem künstlerischen Ansatz ist es mir wichtig zu erwähnen, dass ich dank Machine Learning bzw. KI – sowohl auf technischer als auch auf inhaltlich-konzeptioneller Basis – mit meinen eigens gebauten Arbeitsweisen theoretisch keine Grenzen mehr besitze. Jede Form von Begrenzung hinsichtlich Bildgrößen, Bildinhalten oder Bildkonzepten gibt es nicht mehr. Ich brauche nur noch mein Gefühl, eine Idee, ein Konzept oder einen Impuls. Alles Nötige baue ich mir mit Open-Source selbst zusammen. Ich entwickle so neue Wege und benötige dafür nichts außer meinem Rechner, meinen Datensätzen und etwas Zeit. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Meinungen, Machine Learning/KI als Gegner zu sehen, kann ich nur sagen: Für mich ist es ein großartiges Werkzeug, wenn man es verstanden hat. Das gilt auch, um mit recht begrenzten finanziellen Mitteln visuell in immer größerem Ausmaß arbeiten zu können. Ich würde diese Technologie eher als eine zeitgemäße Antwort auf die überwiegende Mutlosigkeit und die gleichermaßen kapitalisierte Oberflächlichkeit der Kunst- und Kulturindustrie verstehen. Diese Technologie schafft die Option einer weitestgehenden Demokratisierung visueller Möglichkeiten. Eine Option, in der ich eine gute Idee oder ein Konzept benötige – und nicht ein Budget oder vorhandenes Vermögen entscheidet! Aber wenn kaum jemand, gerade im Kultur- und Kunstsektor, diese Technologie versteht, ist es in vielen Fällen auch leichter, bei dem zu bleiben, was man kennt. Und natürlich wird Neues kategorisch abgelehnt und die Unwissenheit mit Vorurteilen bestätigt.
Bis bald und viele Grüße
Florian
