Teil IX: Aufenthaltsort Planet Erde – Mein Jahresgespräch. Wer ist hier bitte dafür zuständig?

Ich würde gerne reden.
Hinterfragen, beschweren und Änderungsvorschläge formulieren, würden es vielleicht besser treffen.
Ich frage mich gerade, warum es eigentlich nicht so etwas wie ein Jahresgespräch für meinen Aufenthalt auf diesem Planeten gibt? Wäre das nicht schön und generell für Menschen hilfreich, wenn sie losgelöst, frei und jenseits konstruierter gesellschaftlicher oder kapitalistischer Regeln, Normen und Rahmenbedingungen einfach mal sagen könnten, wie sie sich wirklich auf diesem Planeten fühlen? Das klingt utopisch, das weiß ich auch. Sind es aber nicht Utopien, die uns Menschen auf diesem Planeten aktuell fehlen? Soll arbeiten, Geld verdienen, Geld ausgeben, Geld verlieren, Kämpfen, Fortpflanzen einen gesamten und anzustrebenden Lebenslauf umschreiben? Das ganze sinnbildlich gesprochen eingespannt in einen Schraubstock in dem man zwischen Angst und Leistung unter immer mehr Druck gerät?

Egal, wie realistisch oder unrealistisch das nun klingen mag, ich stelle mir vor es gäbe eine Instanz, mit der man einmal im Jahr sprechen kann. Ohne zeitliche Beschränkung könnte man seine persönlichen Anliegen, aber auch aktuelle globale Missstände und Änderungsvorschläge adressieren. Das ganze jenseits von irgendwelchen Strichen auf Landkarten, die sich Grenzen nennen, oder anderen Strukturen, die wir Menschen entwickelt haben, um uns die Welt um uns herum mehr oder weniger zu konstruieren und zu erklären.
Immerhin gehört in einer auf Kapital fixierten Leistungsgesellschaft ein Jahresgespräch auch zu einem wichtigen wiederkehrenden Ritual. Eine vorgesetzte Person fragt, antwortet, kritisiert, lobt und hört den meist hierarchisch untergeordneten Personen zu. Ziele werden besprochen oder vereinbart. Nach einem weiteren Jahr setzt man sich wieder zusammen. Die Vorstellung von einem Jahresgespräch wo es nicht um Optimierung von Prozessen geht, sondern wo es um den Menschen mit seinen persönlichen Bedürfnissen, Sorgen, Wünschen und Ängsten geht, wäre doch eine gute Vorstellung oder? Ohne Bewertung oder Ziele, aus denen irgendjemand Profit schlägt? Wie wäre ein Gespräch, in dem es um nichts geht, außer um das persönliche Empfinden auf diesem Planeten und die eigenen Gefühle dazu?

Angenommen, diese Informationen werden gesammelt. Anonym natürlich. Was würde man aus all diesen Informationen heraus lesen können? Was würde thematisch zum Vorschein kommen? Eher erfreuliches oder eher beängstigendes? Wenn jeder Mensch sein Herz ganz offen ausschütten könnte, was würde unterm Strich herauskommen? Der Wunsch nach Gleichheit und Gerechtigkeit, oder die totale Dystopie, wo jeder am längeren Hebel sitzen möchte? Oder etwas von allem?

Was heißt aber überhaupt über sich und seine Gefühle sprechen? Wofür steht Individualität, wenn man alles, was man als Konsumprodukt betitelt, einfach keine Rolle mehr spielt? Was bleibt von einem übrig, wenn man den Besitz oder das Streben nach Titeln und Macht mal theoretisch für einen Moment annulliert.
Wie spricht etwa ein Mensch aus Europa über seine Gefühle und seine Existenz, welcher sein Leben an einer 38,5 Stunden Woche mit Arbeitsunfähigkeit-Versicherung, einem Bausparvertrag und 25 Tage Jahresurlaub orientiert? Wie würde im selben Moment ein Mensch über seine Gefühle reden, welcher auf einem anderen Kontinent lebt und unter heftigen Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung die Kleider und Smartphones für den 38,5 Stunden Büromenschen in Europa produziert? Was verbindet diese Menschen jenseits des Konsums- und Produktionsketten? Vielleicht haben Sie ja die identischen Ängste, Sorgen und Hoffnungen?

Ich werde mir für meinen nächsten Blog-Beitrag überlegen, was und wie ich über das vergangene Jahr während meines Aufenthalts auf dem Planeten Erde sprechen würde.

Bis dahin alles Gute.

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