(2020/2021) #PointOfViewAndNoReturn

Eine Arbeit über eine Gesellschaft in einer Pandemie. Mithilfe von Fotografie und Texten versuchte ich die Extreme der aktuellen Dialektik in unserer Gesellschaft in der Pandemie zu ergründen. Es entstanden drei Teile, jeweils als gerahmte Fotografien sowie limitierte und signierte Magazin-Editionen.

#PointOfViewAndNoReturn Teil I

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#PointOfViewAndNoReturn Teil I – Oktober 2020
von Florian Albrecht-Schoeck

Prolog

2020 in einem Satz: Verschwörungserzählungen, Nationalismus und minutiöse Überkorrektheit als Blitzableiter für Ungerechtigkeit, Unsicherheit, Angst und Feigheit.

Das Tribunal tagt.

Ganz ehrlich, es fällt mir zurzeit sehr schwer, zu verstehen, was um uns herum geschieht. Kritische Auseinandersetzung mit politischen Entscheidungen verstehe ich. Aber dass sich selbst ernannte Querdenker ohne Abstand, Maske und Verstand mit gewaltbereiten Nazis inszenieren, lässt mich am Verstand vieler meiner Mitbürger zweifeln. Man spricht von: Diktatur, Sklaverei, Unterwerfung usw.

Ein möglicher Erklärungsansatz könnte der folgende sein: Die Sehnsucht der Menschen nach dem Superschurken, der bösen Partei oder der Diktatur ist nur der Ausdruck ihrer langweiligen Existenz. Durch den Lockdown wurde vielen Menschen möglicherweise in ihren vier Wänden vor Augen geführt, wie sinnlos einiges ist, was man „Alltag“ nennt. Statt Veränderungen als Chance zu sehen, wollen sie schnellstmöglich wieder in die altbewährte Matrix zurück!

Dabei wird jeder mit seinem Handy zu einem Messias, der Inhalte teilt, verbreitet, verteidigt oder selbst inszeniert. Alles Unspektakuläre kann dabei zur Formel der Erkenntnis werden. Auf den schier endlosen Spielwiesen der digitalen Plattformen kann alles zu einem weltbewegenden Produkt werden. Dabei steht schlussendlich etwas recht Egoistisches im Fokus: das Bedürfnis, seinen pseudo-individuellen Wohlstand mit allen Mitteln zu verteidigen. Der Fantasie und Absurdität werden dabei keine Grenzen gesetzt. Der eigene Standpunkt wird dabei zu einer Konstruktion, aus der es kaum noch ein Zurück gibt. Als wäre der Austausch der Dialektik gegen ein eigens inszeniertes Höhlengleichnis total on vogue!

Alles, was zur eigens inszenierten Schattenrealität nicht passt, wird zum Politikum! Dabei wird jedes Thema durch virtuelle Tribunale bewertet, bestärkt oder bekriegt. Hinterfragen gilt nicht, es ist, wie es ist. Die virtuell geschaffenen Gefühle brauchen reale Anknüpfungspunkte. Wie ein Virus sucht sich das inszenierte Gefühl innerhalb der simplen individuellen Weltbilder der Probanden Punkte zum Andocken. Dort kann es sich dann ungestört ausbreiten und vermehren. Schlussendlich wird der Proband seine realitätsfremden Standpunkte und Sichtweisen erbarmungslos verteidigen, im Extremfall mit seinem Leben! Die Realität des Alltäglichen bleibt jedoch bestehen, egal welche Perspektive man einnimmt. Daher braucht der Virus immer neues und größeres Futter, damit das Virtuelle schleichend das Ruder der Realität übernimmt, bis es sich eines Tages selbst vereinnahmt hat.

Das Tribunal tagt weiter.

#gedenken #dastribunal #querdenken #heimatliebe2020 #nurkapitalbewegtsichfrei #fridaysforfuture #kingofmycastle #zukunft #pflegen #meinungen

#PointOfViewAndNoReturn Teil II

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#PointOfViewAndNoReturn Teil II – November 2020
von Florian Albrecht-Schoeck

Das Tribunal tagt weiter.

Unbeeindruckt von den aktuellen und empirisch nachvollziehbaren Geschehnissen weltweit, bauen die Stimmungsmacher auf allen Seiten Ihre Festungsmauern um Ihre Sichtweisen aus. Stein für Stein, Meter für Meter wird die selbst errichtete Konstruktion der Wirklichkeit massiv ausgebaut. Jede Schwachstelle wird unter lautem Gebrüll gestopft und innerhalb der Mauer verstärkt. Die Mauern stehen, Ziel erreicht: Alles wird abgeblockt. Nichts geht mehr rein, nichts raus!

Die Bauherren übernehmen.
Der Preis für die Mauer war überraschend günstig, aber nicht ungefährlich. Das Baumaterial lies sich von überall schnell besorgen, sowie den eigenen architektonischen Bedürfnissen scheinbar anpassen. Das Mauerwerk droht aber nun jeden Moment nach „rechts“ wegzubrechen und alles unter sich zu begraben. Das würden auf lange Sicht gesehen nur wenige überleben. Abhilfe ist aber auf dem Weg: Sie bessern die Risse und Bruchstellen mit bunten Farben und Worten wie „Liebe“, „Grundrechte“ und „Freiheit“ aus. Sie sind überzeugt, dies wird schon halten. Immerhin hat die deutsche Geschichte gezeigt, dass man hierzulande im erdulden und ignorieren rechter oder faschistischer Risse durch die Gesellschaft kreativ umgehen kann. Eine wahre Deutsche Tugend: Mit oberflächlichen Schönheitskorrekturen an der Fassade und am Fundament, menschenverachtende Weltbilder und Konstruktionen hinzunehmen oder damit zu leben. Daher sind die Bauherren überzeugt: Das wird schon schiefgehen!

50% vs. 50%
Die oder wir, richtig oder falsch, gut oder böse, hell oder dunkel, schwarz oder weiß. Graustufen dazwischen gibt es nicht mehr. Sie bemerken es nicht mehr alleine aber sie haben die Welt in zwei Hälften geteilt. Ob Social Media Kommentarspalten, Videos oder selbst gebastelte Grafiken: Die angeblichen digitalen Beweismittel haben die Realität verdrängt. Sachliche Auseinandersetzung? Fehlanzeige. Manch einer fragt sich: „Was, wenn die anderen auf der anderen Seite recht haben? Habe ich dann automatisch Unrecht? Bin ich zu radikal oder zu unvorsichtig?“ Zweifeln Verboten! Im Zweifelsfall tröstet man sich mit der Tatsache, mit seiner Meinung scheinbar nicht alleine zu sein. Immerhin gefällt meine Meinung meinen Mitstreitern. Und so stehen sie kampfbereit auf jeder Seite der Mauern und fragen sich stellenweise, was sie dort eigentlich tun, während sie auf den Befehl zum Angriff warten.

Das Tribunal tagt.

#liebe #wohlstand #empathie #gruppenbildung #leugner #sinnsuche #party #festplatz #sehnsucht #utopia

#PointOfViewAndNoReturn Teil III

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#PointOfViewAndNoRetur Teil III – Dezember2020
von Florian Albrecht-Schoeck

Das Tribunal tagt weiter.

A: Ich heiße alle hier Anwesenden herzlich zur letzten Sitzung im Jahr 2020 willkommen.

(Andächtiges kollektives Klatschen im Raum)

A: Tagespunkt eins: Zukunft.
B: Ich würde gerne etwas dazu sagen.
A: Gerne, Sie haben das Wort B.
B: Ich habe Angst, Angst vor der Zukunft. Mit dieser Angst bin ich nicht alleine hier.
A: Dann an alle Anwesenden: Wer alles Angst vor der Zukunft hat, bitte die Hand heben! OK, überwiegend und eindeutig eine Mehrheit. Vorschläge?
B: Wir sollten auf Sicherheiten setzen, Genosse General!
A: Was verstehen Sie unter Sicherheiten?
B: Alltag, Traditionen, Werte, Leitbilder, Tugenden. Uns Vertrautes und Bekanntes eben das, was wir in unserer DNA tragen und unser Volk ausmacht.
A: Erlauben Sie mir die Bemerkung: Verzichten Sie bitte auf Symbol-Rhetorik. Zum Sachverhalt: Haben uns nicht die von Ihnen aufgezählten Eigenschaften mit in die aktuelle Situation manövriert?
C: Ohne unsere Tugenden und Traditionen wird es kein zurück zur Normalität geben.

(Lautes Klatschen und zustimmendes Getöse geht durch den Raum).

A: RUHE
A: Auch für Sie C gilt: keine Symbolrhetorik. Ich verstehe ihre Sorgen und Ängste. Aber mit Ihrer Rhetorik und Symbolpolitik werden wir Probleme der Gegenwart nicht im Ansatz lösen können.
B: Aber die Menschen brauchen etwas an was sie glauben können. Etwas, was Ihnen Hoffnung gibt.
A: Ich Stimme Ihnen generell zu, aber sind wir ehrlich: Es geht so einfach nicht weiter, unser System ist am Ende.
C: Normalität wie wir sie kennen, unser Volk hat das verdient. Wir wollen unseren Alltag zurück, koste es, was es wolle.

(Im Saal ist zustimmendes Raunen und vereinzeltes Klatschen zu hören)

A: RUHE. Ich wiederhole mich ungern, aber so eine Rhetorik bringt uns nicht weiter. Unser sogenannter Alltag basiert auf einem Wirtschaftssystem, welches durch die Pandemie komplett an die Wand gefahren ist. Von den Aspekten des globalen Klimawandels mal ganz zu schweigen. Wir sollten die aktuelle Situation als Chance für eine bessere Zukunft begreifen. Es ist die Zeit, an zukunftsorientierten Veränderungen zu arbeiten. Weltweit und gemeinsam. Für eine bessere Zukunft für die Spezies Mensch auf dem ganzen Planeten. Das ist meine Vision.
B: Wir wollen keine Veränderungen, wir wollen UNSEREN Wohlstand und UNSEREN Alltag zurück.
C: Ja, ich stimme B zu, unser Volk hat es verdient.
A: RUHE, haben Sie nicht verstanden, was hier auf unserem Planeten aktuell passiert?
C: EGAL, UNSER VOLK HAT BESSERES VERDIENT!

(Der Raum applaudiert frenetisch C zu)

A: RUHE, ich bitte Sie alle um Ruhe. Ich verstehe, dass es für uns alle nicht einfach ist, aber wir können uns nicht in unserem Schneckenhaus mit Erinnerung verstecken und auf bessere Zeiten hoffen. Wir müssen handeln! Gemeinsam. Jetzt.
C: Dann mach doch. Aber ich will meinen Alltag zurück. Unser Volk will seinen Alltag zurück. A Sie sind vom Volk gewählt, also handeln sie auch dementsprechend.
A: Gewählt vom Volk zu sein, heißt nicht unangenehme Entscheidungen fällen zu müssen, die vielen missfällt. Aber ich muss Ihnen C doch nicht die Sitten parlamentarischer Politik erklären?
B: Man muss Ihnen wohl erklären, was gut für unser Volk ist.
A: RUHE.

(Stille im Raum. A lehnt sich in seinem Sessel zurück und atmet tief durch)

A: Das führt heute zu nichts. Ich entschiede, die Sitzung wird auf Januar vertagt. Ein frohes Fest und kommen Sie gut ins neue Jahr.
C: Gott schütze unser Volk und Vaterland.

(A verlässt kopfschüttelnd den Saal, alle anderen Anwesenden beklatschen sich gegenseitig).

Das Tribunal beklatscht sich selbst.

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